Liebevoll umarmt: Bücher und Publikum – so war das Literaturfest Meißen
In Meißen verbünden sich Schriftsteller, Laienvorleser und viele Gäste drei Tage lang zu einem beeindruckenden Fest der Literatur.
Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain) Karin Großmann 15. Juni 2026
Kein Dichter liest auf der Domspitze. Keiner hängt am Seil von der Elbbrücke. Keiner schwebt atemlos durch die Nacht überm Markt. Rein eventmäßig sind noch nicht alle Optionen ausgereizt beim Meißener Literaturfest. Es schafft etwas anderes und vielleicht sogar Besseres: Buchlust. Drei Tage lang verbündeten sich Profischriftsteller und Laienvorleser mit einem Publikum, das sich weder von Niesel noch Schüttgut aus den Wolken abhalten ließ und von Sonne sowieso nicht. Von „Puzzlewetter“war die Rede in einem Gedicht des Dresdner Autors Patrick Wilden.
Große Buchlust im „Puzzlewetter“
Zum 17. Mal arrangierte der Kulturverein Meißen ein bemerkenswertes Programm: 263 Veranstaltungen unter dem Motto „Hoch hinaus!“Vermutlich bietet Meißen nicht nur das größte eintrittsfreie Literaturfest Deutschlands. Auch das stufenreichste. Und überhaupt nur Superlative.
Die Renommierteste: Vor zwei Jahren bekam die Leipziger Autorin Martina Hefter den Deutschen Buchpreis, zum Missfallen ihres Kollegen Clemens Meyer. Für Oktober kündigt ihr Verlag einen neuen Roman an. „Nach der Sonne schauen“spielt am Rand eines ehemaligen Tagebaus. Die Gegend wurde künstlich geflutet. „Die Natur scheint zurückzukehren, doch es gibt keinen Wald, alles wächst gerade erst“, sagt Martina Hefter im Gespräch mit Bettina Baltschev vom Sächsischen Literaturrat. Ihre Romanheldin sei eine Installationskünstlerin, die sich im Sommer an die einstigen Abraumhalden zurückzieht. „Bullshit“habe jemand an ihr liebstes Kunstwerk gesprüht. Autoren erzählen immer auch von eigener Erfahrung. In Gedichten thematisiert Hefter Erlebnisse mit der Schwiegermutter im Pflegeheim.
Die Amüsanteste: Renate Bergmann gehört für manche ältere Leserin zur Familie. Die skurrile Online-omi spielt in fast zwei Dutzend Büchern mit. Auf dem Kleinmarkt wird sie gefeiert mit ihrem Spott über Presswurstkleider und junge Mädchen, die nicht mal Mehlschwitze können. Wie die 82-Jährige die Trauung ihrer Freundin plant – barrierefrei und mit Heizdecke in der Hochzeitssuite –, lässt die Zuhörerinnen kichern. Die Vorleserin Daniela Kuge hat selber Spaß daran. „Die Geschichten um Renate Bergmann sind leicht, da geht es ums
Zwischenmenschliche und nicht um Politik.“Meißen gehört zum Wahlkreis dieser Cdu-landtagsabgeordneten. „Wir können mit dem Literaturfest vielen zeigen, wie schön unsere Stadt ist.“
Die höchste Lesung – im Türmerstübchen
Die Höchste: Zur Lesung ins Türmerstübchen der Frauenkirche geht es 193 schmale Stufen hinauf. Türmer hatten offenbar kleine Füße. Die wichtigste Aufgabe war die Brandwache. Tags zeigten sie mit einer Fahne die Richtung des Feuers an, nachts mit Laterne. In einem Korb schickten sie Einkaufszettel und Geld hinunter zur Marktfrau. Gefüllt hievten sie ihn wieder hoch. Das Fäkalienfass ging denselben Weg. Einmal soll das Seil gerissen sein … So erzählt es der Handwerker Dietrich Frank. Als Rentner kümmert er sich mit um die Technik im Haus. Er liest aus Erinnerungen an einen Türmer in jenem Stübchen, das 358 Jahre lang bewohnt war. Erst die Erfindung der Freiwilligen Feuerwehr 1907 machte den Job überflüssig.
Der Romantischste: Das gilt für fast jeden Ort zwischen Burgberg und Elbufer. Manche Bewohner öffnen ihren Hof für das Fest. Zwanzig, dreißig Stühle sind schnell besetzt. „Overbooked“heißt es dann. Wie passend. Die Homöopathin Anne Nierade beteiligt sich zum ersten Mal und versichert: Nächstes Jahr wieder. Mit dem Schauspieler Christian Steyer hat sie einen prominenten Gast eingeladen. „Es ist sehr aufregend, hier zu sein“, sagt er. Und erzählt, wie er als kleiner Junge übers Kopfsteinpflaster gehoppelt sei und später hinüber zur Afraschule. Steyer wuchs im Nachbarhaus auf. An diesem Abend liest er aus dem autobiografischen Roman seines Freundes, des Filmregisseurs Siegfried Kühn. Doch egal, was er liest: Man hört die sonore Stimme aus der Mdr-serie „Elefant, Tiger & Co.“immer mit, jeden Seufzer.
Das Spannendste – wieder mal von Frank Goldammer
Das Spannendste: Es kommt vom Krimi. Der Dresdner Bestsellerautor Frank Goldammer liefert fast jedes
Jahr zwei. Wie das geht, erzählt er an einem Beispiel. Der Verlag dtv wünscht eine Fortsetzung der Reihe um den Kriminalisten Max Heller. Also wird ein Konzept von etwa zwanzig Seiten verfasst – „das kann zwei Tage dauern oder zwei Wochen“– und mit der Lektorin besprochen. „Dann brauche ich bloß noch zu schreiben“, sagt Goldammer, „wenn es läuft, bin ich in vier Wochen fertig.“Und wenn es nicht läuft? „Dann schreibe ich trotzdem, und die Lektorin streicht genau diese Seiten raus.“Den Heller-vorfahren Gustav im jüngsten Dresdenkrimi beschreibt er als königstreu und sozialdemokratisch zugleich. Der Kommissar bemerke sehr wohl, dass mit der Industrialisierung einige wenige Leute sehr schnell sehr reich geworden seien: „Im Grunde nicht anders als heute“.
Die Leidenschaftlichste: Die singende Poetin Jessy James Lafleur umarmt das Publikum zur Eröffnung des Literaturfestes am Freitag mit warmherziger Begeisterung. Sie erzählt, wie sie mit 16 ihr Elternhaus im deutschsprachigen Teil Belgiens verließ und seitdem als Grenzgängerin und Nomadin umherreist. Ihr Gedicht auf den Liebsten gilt ihrem Koffer. Ihr einziges Privileg sei ihr Pass. Er habe Türen zu 45 Ländern geöffnet. „Da draußen gibt es eine echte Heimat für uns alle“, sagt die Künstlerin und warnt zugleich: „Die Welt brennt. Wir wollen das nicht glauben, solange nicht unser eigenes Haus in Flammen steht. Doch die Zündschnur liegt schon mitten im Raum.“
Heiteres steht neben dem Bitterem
Jessy James Lafleur erhält viel Beifall. Manche Gäste arbeiten sich zielstrebig mit Stift durchs Programm. Andere flanieren von Ort zu Ort. Abends im Rathaus kann man die Rezepte einer sächsischen Großmutter kennenlernen, die im Roman von Jens Sparschuh auftritt. Heiteres steht neben dem Bitteren, wie es die Nobelpreisträgerin Olga Scherbakowa aus dem Moskau ihrer Kindheit erzählt. Viele unterschiedliche Farben hat dieses Fest, viele verschiedene Töne. Keiner stört.

Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain)
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