Literaturfest Meißen vom 11. – 13. Juni 2027

SZ Dresden Feuilleton – Literaturfest Meißen

Lie­be­voll umarmt: Bücher und Publi­kum – so war das Lite­ra­tur­fest Mei­ßen

In Mei­ßen ver­bün­den sich Schrift­stel­ler, Lai­en­vor­le­ser und viele Gäste drei Tage lang zu einem beein­drucken­den Fest der Lite­ra­tur.

Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain) Karin Groß­mann 15. Juni 2026

Kein Dich­ter liest auf der Dom­spitze. Kei­ner hängt am Seil von der Elb­brücke. Kei­ner schwebt atem­los durch die Nacht überm Markt. Rein event­mä­ßig sind noch nicht alle Optio­nen aus­ge­reizt beim Mei­ße­ner Lite­ra­tur­fest. Es schafft etwas ande­res und viel­leicht sogar Bes­se­res: Buch­lust. Drei Tage lang ver­bün­de­ten sich Pro­fi­sch­rift­stel­ler und Lai­en­vor­le­ser mit einem Publi­kum, das sich weder von Nie­sel noch Schütt­gut aus den Wol­ken abhal­ten ließ und von Sonne sowieso nicht. Von „Puzz­le­wet­ter“war die Rede in einem Gedicht des Dresd­ner Autors Patrick Wil­den.

Große Buch­lust im „Puzz­le­wet­ter“

Zum 17. Mal arran­gierte der Kul­tur­ver­ein Mei­ßen ein bemer­kens­wer­tes Pro­gramm: 263 Ver­an­stal­tun­gen unter dem Motto „Hoch hin­aus!“Ver­mut­lich bie­tet Mei­ßen nicht nur das größte ein­tritts­freie Lite­ra­tur­fest Deutsch­lands. Auch das stu­fen­reichste. Und über­haupt nur Super­la­tive.

Die Renom­mier­te­ste: Vor zwei Jah­ren bekam die Leip­zi­ger Auto­rin Mar­tina Hef­ter den Deut­schen Buch­preis, zum Missfal­len ihres Kol­le­gen Cle­mens Meyer. Für Okto­ber kün­digt ihr Ver­lag einen neuen Roman an. „Nach der Sonne schauen“spielt am Rand eines ehe­ma­li­gen Tage­baus. Die Gegend wurde künst­lich geflu­tet. „Die Natur scheint zurück­zu­keh­ren, doch es gibt kei­nen Wald, alles wächst gerade erst“, sagt Mar­tina Hef­ter im Gespräch mit Bet­tina Balt­schev vom Säch­si­schen Lite­ra­tur­rat. Ihre Roman­hel­din sei eine Instal­la­ti­ons­künst­le­rin, die sich im Som­mer an die ein­sti­gen Abraum­hal­den zurück­zieht. „Bulls­hit“habe jemand an ihr lieb­stes Kunst­werk gesprüht. Auto­ren erzäh­len immer auch von eige­ner Erfah­rung. In Gedich­ten the­ma­ti­siert Hef­ter Erleb­nisse mit der Schwie­ger­mut­ter im Pfle­ge­heim.

Die Amüsan­te­ste: Renate Berg­mann gehört für man­che ältere Lese­rin zur Fami­lie. Die skur­rile Online-omi spielt in fast zwei Dut­zend Büchern mit. Auf dem Klein­markt wird sie gefei­ert mit ihrem Spott über Presswurst­klei­der und junge Mäd­chen, die nicht mal Mehl­schwitze kön­nen. Wie die 82-Jäh­rige die Trau­ung ihrer Freun­din plant – bar­rie­re­frei und mit Heiz­decke in der Hoch­zeits­suite –, lässt die Zuhö­re­rin­nen kichern. Die Vor­le­se­rin Daniela Kuge hat sel­ber Spaß daran. „Die Geschich­ten um Renate Berg­mann sind leicht, da geht es ums

Zwi­schen­mensch­li­che und nicht um Poli­tik.“Mei­ßen gehört zum Wahl­kreis die­ser Cdu-land­tags­ab­ge­ord­ne­ten. „Wir kön­nen mit dem Lite­ra­tur­fest vie­len zei­gen, wie schön unsere Stadt ist.“

Die höch­ste Lesung – im Tür­mer­stüb­chen

Die Höch­ste: Zur Lesung ins Tür­mer­stüb­chen der Frau­en­kir­che geht es 193 schmale Stu­fen hin­auf. Tür­mer hat­ten offen­bar kleine Füße. Die wich­tig­ste Auf­gabe war die Brand­wa­che. Tags zeig­ten sie mit einer Fahne die Rich­tung des Feu­ers an, nachts mit Laterne. In einem Korb schick­ten sie Ein­kaufs­zet­tel und Geld hin­un­ter zur Markt­frau. Gefüllt hiev­ten sie ihn wie­der hoch. Das Fäka­li­en­fass ging den­sel­ben Weg. Ein­mal soll das Seil geris­sen sein … So erzählt es der Hand­wer­ker Diet­rich Frank. Als Rent­ner küm­mert er sich mit um die Tech­nik im Haus. Er liest aus Erin­ne­run­gen an einen Tür­mer in jenem Stüb­chen, das 358 Jahre lang bewohnt war. Erst die Erfin­dung der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr 1907 machte den Job über­flüs­sig.

Der Roman­tisch­ste: Das gilt für fast jeden Ort zwi­schen Burg­berg und Elbu­fer. Man­che Bewoh­ner öff­nen ihren Hof für das Fest. Zwan­zig, drei­ßig Stühle sind schnell besetzt. „Over­boo­ked“heißt es dann. Wie pas­send. Die Homöo­pa­thin Anne Nierade betei­ligt sich zum ersten Mal und ver­si­chert: Näch­stes Jahr wie­der. Mit dem Schau­spie­ler Chri­stian Steyer hat sie einen pro­mi­nen­ten Gast ein­ge­la­den. „Es ist sehr auf­re­gend, hier zu sein“, sagt er. Und erzählt, wie er als klei­ner Junge übers Kopf­stein­pfla­ster gehop­pelt sei und spä­ter hin­über zur Afra­schule. Steyer wuchs im Nach­bar­haus auf. An die­sem Abend liest er aus dem auto­bio­gra­fi­schen Roman sei­nes Freun­des, des Film­re­gis­seurs Sieg­fried Kühn. Doch egal, was er liest: Man hört die sonore Stimme aus der Mdr-serie „Ele­fant, Tiger & Co.“immer mit, jeden Seuf­zer.

Das Span­nend­ste – wie­der mal von Frank Gold­am­mer

Das Span­nend­ste: Es kommt vom Krimi. Der Dresd­ner Best­sel­ler­au­tor Frank Gold­am­mer lie­fert fast jedes

Jahr zwei. Wie das geht, erzählt er an einem Bei­spiel. Der Ver­lag dtv wünscht eine Fort­set­zung der Reihe um den Kri­mi­na­li­sten Max Hel­ler. Also wird ein Kon­zept von etwa zwan­zig Sei­ten ver­fasst – „das kann zwei Tage dau­ern oder zwei Wochen“– und mit der Lek­to­rin bespro­chen. „Dann brau­che ich bloß noch zu schrei­ben“, sagt Gold­am­mer, „wenn es läuft, bin ich in vier Wochen fer­tig.“Und wenn es nicht läuft? „Dann schreibe ich trotz­dem, und die Lek­to­rin streicht genau diese Sei­ten raus.“Den Hel­ler-vor­fah­ren Gustav im jüng­sten Dres­den­krimi beschreibt er als königs­treu und sozi­al­de­mo­kra­tisch zugleich. Der Kom­mis­sar bemerke sehr wohl, dass mit der Indu­stria­li­sie­rung einige wenige Leute sehr schnell sehr reich gewor­den seien: „Im Grunde nicht anders als heute“.

Die Lei­den­schaft­lich­ste: Die sin­gende Poe­tin Jessy James Lafleur umarmt das Publi­kum zur Eröff­nung des Lite­ra­tur­fe­stes am Frei­tag mit warm­her­zi­ger Begei­ste­rung. Sie erzählt, wie sie mit 16 ihr Eltern­haus im deutsch­spra­chi­gen Teil Bel­giens ver­ließ und seit­dem als Grenz­gän­ge­rin und Noma­din umher­reist. Ihr Gedicht auf den Lieb­sten gilt ihrem Kof­fer. Ihr ein­zi­ges Pri­vi­leg sei ihr Pass. Er habe Türen zu 45 Län­dern geöff­net. „Da drau­ßen gibt es eine echte Hei­mat für uns alle“, sagt die Künst­le­rin und warnt zugleich: „Die Welt brennt. Wir wol­len das nicht glau­ben, solange nicht unser eige­nes Haus in Flam­men steht. Doch die Zünd­schnur liegt schon mit­ten im Raum.“

Hei­te­res steht neben dem Bit­te­rem

Jessy James Lafleur erhält viel Bei­fall. Man­che Gäste arbei­ten sich ziel­stre­big mit Stift durchs Pro­gramm. Andere fla­nie­ren von Ort zu Ort. Abends im Rat­haus kann man die Rezepte einer säch­si­schen Groß­mut­ter ken­nen­ler­nen, die im Roman von Jens Spar­schuh auf­tritt. Hei­te­res steht neben dem Bit­te­ren, wie es die Nobel­preis­trä­ge­rin Olga Scher­ba­kowa aus dem Mos­kau ihrer Kind­heit erzählt. Viele unter­schied­li­che Far­ben hat die­ses Fest, viele ver­schie­dene Töne. Kei­ner stört.

Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain)

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